Freitag, 17.12.2010

vogeler

 

 
Im "Griechen"
Von Ronald M. HahnTitUnterbarmen
Von Links nach rechts: Michael Schneider, Wolfgang Böker, Dieter Ploch im "Griechen"

Im Griechen
1963... Tolle Zeiten werfen ihren Schatten voraus... Ein Jüngling, 15, schwarze Hornbrille, pirscht am frühen Abend, vom Loh her kommend, in Richtung Bali-Kino die Friedrich-Engels-Allee entlang. Vor der alten Villa, die dem Friseursalon Lewer und dem Café Schmidt gegenüber liegt, bleibt er kurz stehen und schaut sich um... Sein Herz pocht aufgeregt, weil er nämlich etwas tun will, das der Alte ihm streng verboten hat!

Ein schneller Blick in die Runde. Niemand da, der einen in die Pfanne hauen kann... Schon hastet er die Stufen hinauf, verschwindet im Haus Nr. 272. Musik dringt an seine vor Aufregung roten Ohren. Eddie Cochran! Noch ’ne Treppe rauf, dann schnell rechts abgebogen.
Er öffnet eine hohe Tür... und ist drin! Wow! Vor ihm zucken junge Leute zum Song „C’mon Everybody“. Wie passend! An einigen Tischen sitzen spachtelnde Gastarbeiter. Andere gönnen sich ein Feierabend-Bierchen oder zocken eine Runde. Zwei Dutzend deutsche Teens und ein paar Twens hängen rum und wiegen sich im Licht einer Deckenlampe. Ihre Nyltest-Hemden schimmern bläulich. Was für ’ne tolle Atmosphäre! Jungs und Mädels, keiner volljährig, schwofen im Halbdunkel vor der Musikbox herum. Boah, ey!

Unseres Jünglings Herz bollert heftig. Er empfindet ein großes Entzücken, wie immer, wenn er Verbotenes macht. Zum Beispiel Fluppen rauchen.
Das „Griechische Gästehaus“, das „Christoff“ (eigentlich Christos) Merziotis auf der Allee betreibt, ist wegen seiner für damalige Verhältnisse unglaublich gut bestückten Musikbox für die Unterbarmer Jugend die erste Anlaufstelle: Im Viertel gibt’s nichts Vergleichbares. Nur hier ist das Licht so schummerig genug, dass man mit 15 Jahren vielleicht als 16jähriger durchgeht. Christos geht schon mal rum und lässt sich einen Ausweis zeigen. Wie es unserem Jüngling gelang, ihn zu foppen, erzählt er ein anderes Mal. Zu den Eigenheiten dieser Zeit gehört, dass die Eltern der jungen Generation a) Rock ’n’ Roll nicht ausstehen können und b) nix davon halten, dass ihre Blagen sich in einer Lokalität tummeln, in der die dunkelhaarigen Typen aus dem Süden verkehren, die erst zwei Jahre zuvor ins Tal gewandert sind. In der Welt der Erwachsenen machen wüste Gerüchte die Runde: In dem Lokal wird gezockt! In der obersten Etage wird vielleicht sogar gepoppt!

Gezockt wurde in dem Laden wirklich. Sogar ein Spielautomat hing an der Wand. Einwurf: 10 Pfennig. Höchstgewinn: 2 Mark. Am tollsten aber war die Musikbox, die nie „Adelheid, schenk mir einen Gartenzwerg“ spielte, sondern nur zehn griechische Schlager und jede Menge Zeugs aus den gerade verstorbenen 1950er Jahren: Jerry Lee Lewis, Fats Domino, Eddie Cochran, Elvis Presley, Little Richard!

Die Beatles waren gerade erst im Kommen. Liverpool war noch nicht so richtig entdeckt. Die Welt befand sich im Umbruch! Unser Jüngling war seiner späteren Gattin noch nicht begegnet, deswegen durfte er sich in Sigrid (17) verlieben, die ihn aber nicht beachtete! (Schnüff). Die ersten Angehörigen der jungen Ongerbarmer Generation waren aber schon im Begriff, Brisk, Fit und der Schmalztolle Adieu zu sagen und beließen ihr Haar im Naturzustand. Im ganzen Tal gab es keine längere Matte als die von Klaus Laumann! Hotti, sein Bruder, heute Gastwirt im Allee-Stübchen, brauchte sich aber auch nicht zu verstecken!
Yeah, die Beatles! Irgendwann drückte Christos unserem Jüngling einen Fünfer in die Hand. „Kauf mal ’ne Platte für die Musikbox; eine, die dir gefällt.“ Die Platte wurde bei Radio Eibel am Loh gekauft und hieß „I Wanna Hold Your Hand“. Sie lief nun täglich umpfzig Mal. Weitere Beatles-Scheiben ließen nicht lange auf sich warten.

Hat man je von einem Wirt gehört, der großzügiger war als Christos? Hat man je von einem Wirt gehört, der einem jungen Spunt mit den Worten „Du hast ja sowieso kein Geld“ ein Glas Bier in die Hand drückte? Jahre später wurde der gute Mann beim Zocken im Hinterzimmer der Loher Ampel von einem Mann erschossen, der nicht verlieren konnte, weil die Kohle, die er verloren hatte, nicht seine eigene war.

Von den im „Griechischen Gästehaus“ verkehrenden Griechen sind unserem Jüngling Andreas und Rex in Erinnerung geblieben, weil: Dem Rex sein Deutsch war besser als dat vonne Ongerbarmer. Ein paar Italiener waren auch immer da: die Majorella-Brothers Michele und Antonio. Was machen die wohl heute? Und wo? Die jungen Gastarbeiter waren alle Anfang bis Mitte zwanzig und wussten sich zu benehmen. Die sagten nie „Was kuckst du?“ und „Hassu Problem oder was?“ Die traten am Wochenende, wie wir auf: mit Anzug und Krawatte. Klöppereien gab es nicht, wenn man davon absieht, dass ein gewisser Schlappi (21) unserem Jüngling vor der Tür mal die Fresse polierte, weil er sich von einem fünfzehnjährigen Rotzlöffel nicht vorführen lassen wollte. Ja, das war ’ne echte Heldentat, Schlappi!

„Im Griechen“, wie das Gästehaus auch genannt wurde, verkehrten auch Scharen Kaugummi kauender tanzwütiger weiß bebluster Görls: Mit Eva legte unser Jüngling zu „Kom van dat Dak af“ den ersten Tanz seines Lebens aufs Parkett. Nicht alle männlichen Gäste wollten aber tanzen. Manchen war es wichtiger, mit der Kippe im Mund cool rumzustehen, den anderen beim Tanzen zuzukucken (siehe Bild) und im Takt mit dem rechten Fuß zu wippen. Andere würfelten am Tresen oder kickerten im Nebenzimmer. Im „Griechen“ hingen jede Menge lässige Vögel rum: Dirk, der Charmeur; „Elend“ (2 m groß); der aufgeweckte kleine „Heuler“; der oft den Spielautomaten fütternde, trotz seiner 17 Jahre recht weise wirkende Jürgen; der rotgelockte spitzfindige „Trommel“; der Roth Händle paffende, aber trotzdem jeden 100-m-Lauf gewinnende „Plochi“; der listige Tankwart „Schnellus“, der alles besorgen konnte, was das Autofahrerherz begehrte, das unzertrennliche Duo Wolfgang Böker und „Pitter“ Lott sowie Rolf, der Sohn des Kripo-Hauptkommissars (einst pickliger Rocker, heute Politiker).

Der lässigste Vogel von allen aber war der wortgewandte Gilbert, denn er war trotz seines spanischen Vaters der echteste Ongerbarmer, den die Welt je gesehen hat: in Paris geboren, in einer afrikanischen Oase getauft, ein Franzmann, der kein Wort Französisch sprach.

Wie alles Schöne, an das der Mensch sich aus zeitlicher Ferne erinnert, scheint auch diese Zeit endlos gewesen zu sein. Tatsache ist aber, sie tanzte nur einen Sommer! Schon das Jahr 1964 sah unseren Ongerbarmer Jüngling ohne schwarze Hornbrille mit einer anderen Frisur in einer anderen Umgebung, wo er Dinge erlebte, über die man hier auch (aber anderswo) lesen kann. Seine letzte bewusste Erinnerung an das „Griechische Gästehaus“ datiert auf den 22. November 1963. Nach einem eher uninteressant verlaufenen Montagabend kehrte er nach Hause zurück und fand seine Mutter (35) in Tränen aufgelöst vor: John F. Kennedy, der Präsident der USA, war erschossen worden. Unser Jüngling hat sich damals noch nicht für Politik interessiert, aber der Mann hat ihm schon sehr, sehr leid getan.


 

 


 
 
 
 

 
  Betriebsklima