Mittwoch, 26.01.2011


 




Wir schreiben das Jahr 1986. Die Fussball WM in Mexiko hat gerade begonnen. Der Keller (Adlerbruecke) ist nur noch Geschichte, Al Quaida macht noch keinen Terror und Touristen werden auch noch nicht entführt.

Ich machte wieder mal eine Tour mit dem Bernd Gliem aus Cronenberg, der hatte in den 70er Jahren den Orient-Shop Petit Socco auf der Gathe. Sein Spezialgebiet: Spuren lesen, Schleichwege finden und sich mit hoher Geschwindigkeit im Busch bewegen. Mein Gebiet: Idee, Planung, Durchführung, Survival und Navigation.

Einen zweiten Unterbarmer konnte ich für die Tour nicht auftreiben, da alle schwer am Arbeiten waren.

Der Flug von Singapore nach Kuching (Borneo Sarawak) dauerte nur 2 Stunden. Danach, mit dem Boot, von Kuching  übers Meer zum Rajang River und dann den Fluss rauf bis Sibu, 2 Tage. Dann noch einen Tag bis Kapit.

Die Flussboote waren sehr schmal aber mindestens 20 Meter lang, wobei das hintere Drittel nur aus Motorraum bestand. Obwohl alles sehr primitiv war, bekamen die Boote eine irrsinnige Geschwindigkeit drauf, was auch wichtig ist, da fast alles über Wasserwege läuft und die Entfernungen riesig sind. Borneo, drittgroesste Insel der Welt!

In Kapit sollten wir am nächsten Morgen um 5:40 Uhr ein anderes Boot nehmen. 2 Tage lang verpassten wir Langschläfer trotz Wecker die Abfahrt, aber am dritten Tag fing der Bernd schon um 4:00 Uhr an mich zu Wecken und trotz Fusstritte und wüstem Geschimpfe machte er weiter bis ich aufstand.

Im Rajang River, oberhalb von Kapit, gab es schwere Stromschnellen und die Strudel sahen aus wie in einem Tarzan Heft, 3 Meter im Durchmesser und wenn das 20 Meter Boot da rein fuhr, flog es mit einem gewaltigen Ruck zur Seite.

Nach 9 Stunden Fahrt kamen wir dennoch heil in Belaga an. Wir gingen gleich zur Polizei um uns die Genehmigung für eine Weiterfahrt zu holen. "No Permit" sagten die Bullen und auf unsere Frage warum nicht, sagten sie, "some people no come back" was wohl heissen sollte, dass Vorgänger von uns verschollen waren. Das konnte natürlich einen Unterbarmer welcher schon mit 10 Jahren die Wupper mit einem Floss befahren hatte nicht abschrecken.

Zum Glück hatte ich den bescheuerten Einfall gehabt, ein sperriges Faltboot mit mir rum zu schleppen und so paddelten wir im Morgengrauen leise an der Polizeistation vorbei.

Nach 4 Stunden Stromaufwärts, hechel...hechel..., kamen wir an einem Longhouse an. Dort wurden wir von einen amerikanischen Ethnologen (Völlkerkundler) unfreundlich empfangen. Er studierte die Eingebohrenen, wollte ein Jahr mit ihnen zusammen leben und wir Wuppertaler störten ihn dabei.

Uns war die ganze Sache sehr peinlich da wir Ethnologen eigentlich super fanden. Aber dieser Typ war echt ein Blödmann. Er meinte, abends wäre eine Fete und er hätte das ganze Essen bezahlt und wir sollten ja nicht kommen.

Die Eingeborenen (die sich in dieser Gegend Kayan nennen) haben für solche Sachen ein Feingefühl und wunderten sich, dass wir abends nicht mitfeiern wollten. Haben die Sache aber dann schnell geschnallt und dem Ami Druck gemacht. Daraufhin musste er uns persönlich einladen, ha...ha...ha. Nachdem er dann seine Kamera geholt hatte sah er uns auch noch mit den Kayan tanzen. (Siehe Bild) Ich hatte schon meinen Schlafanzug an, was auf seinen wissenschaftlichen Fotos wohl nicht gut ausgesehen hätte.

hinnertanzt

Am nächsten Tag war Sonntag und wir gingen in die Dschungelkirche. Eine art Tarzan Hütte mit Kreuz drauf und der Pastor war ein Kayan in Turnhose und freien Oberkörper. (Borneo ist eigentlich eine Mosleminsel, aber die Kayan leben von Wildschwein und müssten verhungern wenn sie nach dem Koran leben wollten) Es wurde viel gelacht und die Stimmung war klasse, besser als in der Unterbarmer Hauptkirche. Wir flirteten mit den jungen Mädchen und uns wurde später gesagt dass wir um Mitternacht 2 von denen treffen können. Nach langer Überlegung kamen wir drauf dass die Leute nur mal über uns lachen wollten. Vielleicht aber auch nicht??? Dieser Gedanke beschäftigte uns noch eine Weile.

Am nächsten Morgen ging es weiter stromaufwärts. Da es unsere erste Kanu-Tour war, machten wir Paddel-Übungen nach einem Kanu-Lehrbuch. Bei der ersten kleinen Stromschnelle überschlugen wir uns schon und dachten das hat keinen Zweck mit uns. (Inzwischen fahren wir seit Jahren Wildwasser)

Wir schliefen dann die Nacht auf einer Anhöhe im Zelt. Nachts um 11 Uhr hörte ich draussen plötzlich Geräusche. Unser Zelt war von fremden Kayan umstellt welche Blasrohre und Macheten dabei hatten. Als echter Unterbarmer konnte ich natürlich einem Cronenberger gegenüber keine Angst zeigen und so leuchtete ich mein Gesicht mit einer Taschenlampe an und ging mutig raus.

Zuerst war schweigen bei den Kayan aber dann folgte ein grosses Gelächter. Sie stuften uns wohl als harmlos ein und bedeuteten uns dass es hier sehr gefährlich sei, wir sollten besser in ihrem Dorf schlafen.

punanklein

Sie trugen unser Gepäck einschliesslich unseres Kanus, wir brauchten nur noch hinterher zu gehen. Angst hatten wir keine da unsere Leibwächter früher noch Kopfjäger gewesen waren (In den 70er Jahren sind sogar noch einmal Köpfe gerollt und selbst 2001 wurden viele Arbeiter von Madura, die den Dschungel rodeten, geköpft); wer hat schon solche tollen Wächter!

Das Dorf lag unterhalb der Long Murum rapids. Das sind 20 km lange Stromschnellen die wir mit unserem Kanu weder rauf noch runter fahren konnten. Nach 2 Tage warten in dem Dorf kam ein kleines Boot (Marke Nuss-Schale) mit einem Aussenborder (40 PS). Die Kajan hörten das Boot bereits aus weiter Ferne, wir brauchten noch zwei bis drei Minuten bis wir es auch hören konnten. Die müssen wohl viel bessere Ohren haben als wir!

Kein normaler Mensch, es waren noch 6 Mann im Boot, waere damit die Long Murum rapids hochgefahren, aber wir waren ja Wuppertaler und was die Einheimischen können, können wir schon lange! Die Einheimischen haben gebetet und wir haben gezittert, aber irgendwann kamen wir in Long Murum an.

Long Murum ist zwar auf der Borneo-Karte eingezeichnet, aber es ist nur ein langes Haus (Longhouse) mit 60 bis 80 Bewohner. Hotels haben die da nicht und wenn sie dich nicht einladen, musst du sehen wie du allein klar kommst.

Unser Ziel waren die Punan. Das waren Eingeborene die damals noch so lebten wie die Kayan vor 100 Jahren und noch nie jemand vom Hohenstein gesehen hatten. Seltsamerweise waren alle Tabak süchtig, hatten aber keinen Tabak. Geheimnisvolles Asien!

Die nächsten 2 Tage fuhren wir den Rajang rauf und runter. In mehrern Langhäuser haben wir angefragt ob uns jemand zu den Punan bringen kann, aber die hatten wohl Schiss. Also tolle Kopfjäger.

Nachdem wir wieder in Long Murum waren, wo wir blöderweise nicht gleich gefragt hatten, wurde dann ein älterer Kayan rangezerrt. Ja, der war schon vor Jahren bei den Punan gewesen und der kannte auch deren Dialekt. Ausserdem gab es noch einen jungen Kayan, welcher etwas Malayisch und sogar ein paar brocken Englisch konnte.

Bernd konnte etwas Malayisch und die Uebersetzung war dann einfach fuer mich. Ich erkläre dem Bernd die Sache in Barmer Platt, der übersetzt in Malayische und Englische Brocken, der junge Kayan erklärt es dem Alten in Kayanisch und der übersetzt dann in der Punan Sprache. Die Antwort ist dann wohl in den Wind geblasen.

15 Malaysische Ringit (15 DM) wollten die pro Kopf und pro Tag haben. Ein stolzer Preis aber runter handeln liessen sie sich nicht.

Am nächsten Morgen ging es los. Endlich Abenteuer!! 3 Tage irrsinnige Anstrengung. Das sperrige Faltkanu liessen wir in Long Murum. Moskitos, riesige Blutegel voller Blut von uns (etwa 20 pro Tag) und ein Gewaltmarsch von 7 Uhr bis 17 Uhr jeden Tag. Die beiden Kayan schüttelten den Kopf über unser Schnecken-Tempo. Nein, sowas hatten sie noch nicht gesehen. Sie schlugen uns vor, diese doofen Schuhe aus zu ziehen und barfuss zu gehen, so wie sie, aber das lehnten wir entschieden ab.

Unsere Bewaffnung war einfach. Ich hatte Tränengas dabei und ein Messer. Die Kayan hatten 2 Macheten und 1 Blasrohr mit Giftpfeilen. Die Blasrohre hatten vorne eine Eisenspitze und konnten als Speer oder Stoss-Waffe benutzt werden.

Am dritten Tag hiess es dann wir wären auf Punangebiet und die beiden Kayan wollten erst mal die Lage erkunden. Bernd und ich waren plötzlich alleine im Dschungel und hatten keine Ahnung wo wir genau waren. Eine unangenehme Situation. Zu allen Übel wurden wir auch noch von einen Trupp Punan aufgespührt die sich sehr feindlich zeigten. Der junge Anführer war sehr verärgert und gab uns zu verstehen dass wir auf seinem Gebiet nichts zu suchen haben. Bernd sprach plötzlich so gut Malayisch wie noch nie zuvor. Er erklärte dass wir mit 2 Kayan zusammen waren, die im Moment mit dem Häuptling im Punan Longhouse verhandelten.

Eine halbe Stunde später kamen dann unsere 2 Kayan zurück und die Lage entspannte sich. Im Longhouse wurden wir freundlich empfangen. Wir gaben den Häuptling ein riesiges Paket Tabak und innerhalb von 5 Minuten waren alle Punan am rauchen. Kleine Mädchen ab 4 Jahre rauchten auch schon!

Der Häuptling sah dass wir etwas eingeschüchtert waren und veranlasste folgende Übersetzung: Wir können machen was wir wollen, wenn wir schlafen wollen sollen wir uns hinlegen, wenn wir im Longhouse rum laufen wollen sollen wir rum laufen und wenn wir uns waschen wollen sollen wir zum Fluss gehen. Der Typ war Klasse, er kam mir vor wie ein 68er.

Natürlich holten wir gleich unsere Kamera raus und fingen an zu fotografieren. Trieben uns in der Küche bei den Frauen rum und gingen im Fluss schwimmen.

punan1

Im Gegensatz zu den Kayan Langhäuser haben die Punan keine Zimmer sondern das ganze Haus besteht aus einem einzigen Raum mit 60 Leuten. Keine Privat-Sphäre!! Ein Paar Punan sitzen zusammen und unterhalten sich. 5m weiter keift seit einer halben Stunde eine Frau ihren Mann an und 20m weiter ist ein junges Paar hinter einem Tuch am rum fummeln. Unglaublich, sowas habe ich in Unterbarmen noch nicht gesehen.

Um die Punan-Nomaden sesshaft zu machen lässt die Regierung Arbeiter mit einem Helikopter im Dschungel einfliegen. Die schlagen eine Lichtung, bauen ein Longhouse und hauen dann wieder ab. Wenn die Punan auf ihren Wanderungen vorbeikommen denken die: Wat is dat denn? Wenn es dann noch regnet ziehen die gleich für ein paar Wochen ein. Spätestens nach 2 oder 3 Jahren wohnen die Punan fest in diesem Haus.

Die Punan haben ihre eigene Moral. Als wir nackt zum Fluss gingen, wurde uns erklärt wir müssen die Hand vor den Penis halten. Na klar, warum nicht.

Es gab noch ein grosses Problem. Bei den Punan wird Essen immer durch den ganzen Stamm geteilt. Wenn wir unser eigenes Essen auspacken muessen wir unseren ganzen Proviant mit 60 Leute teilen. Also mussten wir hungern bis das nächste Wildschwein gefangen war.

Am nächsten Morgen, kurz vor 6 Uhr, wurden wir durch ein schreckliches Gehäule geweckt. Wir wussten erst gar nicht was los war bis wir merkten dass 50 kleine Jagdhunde gleichzeitig häulten. Jeder Jäger hatte 3 bis 4 Hunde und um 11 Uhr kam der erste mit einem Wildschwein zurück. Das Schwein wurde in 2 Hälften geschnitten und die kamen dann in 2 riesige Kochtöpfe. 3 Stunden später konten wir dann endlich Wildschwein essen! Dazu eine riesen Portion Sago, ein langweiliger Brei mit wenig Naehrstoffen. Im Gegensatz zum Bernd wurde ich schwer gelobt, ich hatte es geschafft einen halben Eimer zu Essen...

Am darauffolgenden Tag zogen wir weiter. Die Punan stellten uns ein Kanu (Einbaum) zur Verfügung und wir Paddelten zu sechst Stromaufwärts. Pausen kannten die Jungs nicht, aber ich hatte einen guten Trick drauf. Immer wenn mir der Hintern weh tat fragte ich ob sie Lust auf eine Zigarette haben. Gut dass ich mehrere Packungen dabei hatte. Natürlich hielten sie das Kanu sofort an und ich konnte mir einen Moment die Beine vertreten.

Nachmittags erreichten wir ein neues Longhouse, verteilten wieder Tabak und am 6. Tag ging es mit einem neuen Kanu und neuer Crew weiter.

Am 7. Tag gab es ein Problem. Der Fluss wurde zu seicht und wir mussten zu Fuss weiter, stöhn. Am 8. Tag überstiegen wir einen Berg und hatten dann wieder einen Fluss stromabwärts vor uns.

Auf dem Berg hatten wir eine Gruppe Punan getroffen die in der Gegenrichtung ging. Unsere Kayan fragten, ob wir ihr Kanu in ihrer Abwesenheit benutzen könnten, was von der Punanseite streng abgelehnt wurde. Nun standen wir an einem Flussoberlauf. Das gut versteckte Kanu hatten unsere Kayan, schnell gefunden. Im Baum war ein Kanu, mit einem Pfeil durch, eingeritzt. Das sollte wohl heissen: Lass die Finger von dem Kanu oder du wirst erschossen!

Die Kayan fragten uns ob wir 3 Tage laufen wollten, oder das Kanu klauen. Da ich frueher viele Tarzanhefte gelesen hatte, entschied ich mich fuer die gefährliche Lösung. In dem Moment stieg ich deutlich in der Achtung der beiden Kayan! Den Punan ein Kanu zu klauen hatten sie wohl einem Barmer vom Loh nicht zugetraut.

Wir hauten beim Paddeln richtig rein und ich sah schon im Geiste Giftpfeile um uns herum schwirren.

Im naechsten Punan-Longhouse wurden wir misstraurich gefragt wo wir das Kanu her hätten. Unsere Kayan behaupteten dreist wir hätten die Erlaubnis bekommen das Kanu zu benutzen und die Punan im Longhouse sollten das Boot wieder zum Oberlauf zurück bringen.

Am nächsten Morgen (10. Tag) früh aufgestanden. Neues Kanu und neue Crew und dann schnell Abstand zu dem Longhous gewinnen!

Am 13. Tag verabschiedeten wir uns von dem letzten Kanu und 2 Punan. Wir waren fast die ganze Zeit von Longhouse zu Longhouse gebracht worden, immer mit neuen Kanu und Crew. Aber hier war wohl ihre Grenze.

bernd

Nun marschierten wir 3 Stunden zu einem anderen Fluss. Dort bauten wir 2 kleine Floesse (siehe Bild Bernd) und fuhren den rest des Tages diesen Fluss runter. Danach mussten wir nochmal einen Tag laufen bis wir unser sperriges Faltkanu wieder hatten.

Bernd fuhr dann zurück nach Cronenberg und ich nach Thailand.

Copyright: Bilder und Text, Horst Hinrichs

 
 
 
 

 
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