Freitag, 17.12.2010

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Von Ronald M. Hahn

snobs

Die Snobs.
Während die Blue Beats zu fünft im CVJM-Kellerraum an der Barmer Adlerbrücke klampften und eine Star-Karriere anpeilten, probten im Nebenraum zwei andere Burschen - auch sie Absolventen von Horst Wesselys Gitarristenschule: Horst Kuhweide (18, Rhythmusgitarre) und Rainer Bergmann (17, Bass) waren miteinander aufgewachsen und träumten, wie zahllose Wuppertaler Jungs, unter dem magischen Einfluss des Beat davon, eines Tages auf den wichtigsten Brettern der Welt zu stehen - vor der Bühne möglichst tausend kreischende Teenies. Da eine Rhythmusgitarre und ein Bass aber noch keine zünftige Beat-Band ergaben, brauchten sie Verstärkung. Diese fanden sie in dem pilzköpfigen Drucker Peter Wesel (18, Drums) und dem mit ihm aufgewachsenen Gummibandweber Bernd Wüster (16, Rhythmusgitarre) , der wiederum mit dem (anfangs) extrem kurzhaarigen Heiner Middeldorf (16, Solo) zusammen arbeitete. Heiner hatte Jahre zuvor ganz seriös das klassische Gitarrenspiel erlernt. Bernd zu Heiner: „Wir gründen ’ne Band. Du kannst doch Gitarre spielen. Machste mit?“ „Warum nicht?“ Ein Mann, ein Wort, Batavia! Horst und Rainer taten sich mit den dreien  zusammen, und die „Snobs“ waren geboren. Einen Übungsraum fand man im „bodenlosen“ Eigenheimkeller der Familie Wüster, doch zwei Probleme machten den frischgebackenen Snobs zu schaffen: Keiner beherrschte die englische Sprache in dem Maße, dass ein echter Engländer sie verstanden hätte (ein gängiges Problem der Zeit) - und keiner traute sich so richtig kräftig ins Mikrofon zu singen. Ein Sänger musste her! Da traf es sich gut, dass Horst und Rainer im Sommer 1965 in einer Kneipe auf der Friedrich-Engels-Allee (dem „Griechischen Gästehaus“) den ihnen vom Sehen und Singen bekannten Ronald von den Blue Beats trafen. Sie berichteten ihm von ihrer Band, von ihrem tollen Übungsraum (der nicht unter der Kontrolle der Evangelischen Kirche stand, die Ronald das Rauchen erst ab dem 16. Lebensjahr gestattete) und von anderen unglaublichen Dingen, die sie - im Gegensatz zu den Blue Beats - längst besaßen: Verstärker, „Tonsäulen“, Mikrofone! Ronald war schwer beeindruckt. Eine eigene Anlage! Mit einer Anlage war ein öffentlicher Auftritt keine Wahnvorstellung mehr! Eine Anlage bedeutete, dass das Getöse Radioapparatverstärkter Gitarren den Gesang nicht mehr übertönen würde! Eine Anlage bedeutete Ruhm, Freibier und Groupies ohne Ende!Die Anlage der Snobs übte magischen Reiz auf Ronald aus. Schon kalkulierte er heimlich die moralischen Konsequenzen der Fahnenflucht. Als Horst und Rainer dezent andeuteten, die Snobs täten sich mit dem Gesang etwas schwer, wusste er sofort, was zu tun war: Er deutete (ebenso dezent) an, er sei nicht abgeneigt, die Band zu wechseln. Ein Gespräch mit den restlichen Snobs wurde anberaumt. Sie begafften den Kandidaten und kamen überein, als Sextett aufzutreten.Die armen Blue Beats, die nun erst mal ohne Sänger da standen (man muss es ihnen hoch anrechnen, dass sie Ronald das Überlaufen nicht verübelten), behalfen sich anderweitig: Drummer Uwe, dessen musikalische Interessen sich mit denen Ronalds zu gut 100% deckten, übernahm die Gesangsparts (die er sich später mit Reinhard Kortwig teilte), bevor er Jahrzehnte später bei Bands wie den Black Shadows oder Just 4 Fun zum Drummer/Sänger mutierte.  Im Keller der Wüsters wurde unterdessen fleißig ein Repertoire einstudiert. Dies war nicht einfach, denn die Musiker dieser Zeit waren so bettelarm, dass sie sich die Platten kaum leisten konnten, die ihrer Kunst zur Vorlage dienen sollte. Schwerer war noch an die Texte ranzukommen, denn die damalige deutsche „Musikpresse“ wurde ausschließlich von journalistischen Schwachmaten herausgegeben, die ihren Lesern zwar jeden neuen Furz von Caterina Valente und Vico Torriani vorstellten, aber nie auf die Idee kamen, mit den Texten der Beatles, Stones, Kinks, Animals etc. ebenso zu verfahren. In den frühen 1960er Jahren gab es fast nur eine Möglichkeit, an das entsprechende Material heranzukommen: Man hörte sich die Songs so oft wie möglich in Kneipen-Musikboxen an oder klebte mit dem Ohr am Soldatensender BFN (später: BFBS). Dann speicherte man sie auf der mentalen Festplatte ab und wetzte, bevor man sie wieder vergaß, in den Übungskeller. Texte wurden phonetisch auswendig gelernt, denn mit der angelsächsischen Sprachen haperte es fast bei allen Bands, da es damals noch nicht üblich war, Proll-Kindern Fremdsprachen lernen zu lassen.Auf welch abenteuerliche Weise manche Stücke der Snobs zustande kamen, zeigt folgendes Beispiel: Beim Üben schlug Heiner Middeldorf die ersten Akkorde von „La Bamba“ an, für die Liverpool-Beatnik Ronald nur ein Naserümpfen übrig hatte. Heiner konnte die arrogante Reaktion nicht verstehen. Daraufhin entspann sich ungefähr folgender Dialog:RONALD: „So ’n Scheiß sing ich nicht!“HEINER: „Und warum nicht, wenn man fragen darf?“RONALD: „Das ist doch kein Beat! Das ist doch nur so ’n Schlagerscheiß.“HEINER: „Ja, Mann, aber der Titel ist bekannt! Und außerdem kann ich ihn spielen! Wenn wir ihn üben, haben wir ’n Stück mehr in unserem Repertoire!“RONALD: „La Bamba! Pah! Schlagerscheiße! Nie und nimmer! Nur über meine Leiche!“Daraufhin spielte Heiner noch mal den „La Bamba“-Riff. Ronald spitzte die Ohren. Ihm fiel schlagartig ein bombiger Auftritt der Formers in der Stadthalle ein.RONALD: „He, spiel das noch mal... Das erinnert mich an was...“Heiner spielte „La Bamba“: Da-dam-da, da-dam-da, da-dam-da! Ronald sperrte die Öhrchen auf und sang schließlich dazu - aber nicht „La Bamba“, sondern „I Took my Baby Home“ (Kinks). Der Text passte zur Musik. Irgendwann zeigte sich auch, dass die „La Bamba“-Musik auch zu „Twist and Shout“ passte. So konnten die Snobs mit zwei neuen Stücken glänzen! Ruhm, Ehre, Freibier und Groupies folgten bald: Peter Wesel, der drummende Drucker, lernte einen gewissen „Bartmann“ kennen, dem in einem am Rande von Wuppertal gelegenen Nest namens Schee eine große Tränke namens Quellenburg gehörte. In Schee war der Hund begraben, deswegen wollte der „Bartmann“ seinen Laden bei der Wuppertaler Jugend bekannt machen. Also engagierte er die Snobs, die inzwischen etwa 50 Stücke spielen konnten, für vier Wochenenden, aus denen dann wegen des großen Erfolges drei Monate wurden. Da der „Bartmann“ aber nicht nur bärtig war, sondern auch so knauserig wie Dagobert Duck, fiel es ihm nicht ein, die Musiker für ihre Kunst zu honorieren: „Ihr kassiert den Eintritt“, sagte er. „Ich verkauf mein Bier.“ Die  Snobs waren trotzdem einverstanden. Vermutlich hätten sie, genügend Bares vorausgesetzt, noch selbst dafür bezahlt, um endlich auftreten zu können. Eine Woche vor Beginn ihres Engagements pirschten die Jungs durch die abendliche Barmer Innenstadt und klebten auf dem Werth und anderswo illegal massenhaft Plakate, die Peter für ein paar Äpfel und Eier bei der Firma IMO gedruckt hatte. Zwar lag die Quellenburg am After der Welt, doch war sie mit der die Buslinie „B“ gut zu erreichen. Als es so weit war, tanzten Scharen mattentragende Barmer und miniberockte Barmerinnen in der Quellenburg an. Die Snobs waren ein solcher Hit, dass der „Bartmann“ sich bald fragte, ob er ihnen nicht lieber den Gewinn aus dem Bierumsatz hätte geben und die Eintrittsknete selbst einstreichen sollen. Die Band scheffelte so viel Kohle, dass sie es sich kurz darauf erlauben konnten, beim Musikhaus Wessely für 6.000 Mark eine nagelneue Gesangsanlage zu erstehen. Aber nicht auf Ratata! Als Finanzier fand sich Horst Kuhweides Bruder, denn der hatte ein Sparbuch (Juhuu!) und konnte das Geld vorstrecken. Von nun an durfte er bis zum Ende des 20. Jahrhunderts sämtliche Snobs-Gagen einstreichen...


 
 
 
 

 
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