Samstag, 01.11.2014



Unterbarmen setzt sich aus vielen historisch abgeleiteten Ansiedlungen zusammen. Viele Quartiere sind von der heutigen Landkarte verschwunden. Unterbarmen ist: Allee, Loh, Clausen, Rott, Kothen, Hesselnberg, Skulpturenpark, Friedhof Unterbarmen, Bahnhof Unterbarmen, Lichtenplatz

 



Friedhelm Wiessner
Ein paar Erinnerungen an den ´Keller´

Die ersten Erinnerungen an den `Keller´ fallen in eine Zeit, in der es für mich persönlich noch gar nicht möglich war, diesen betreten zu dürfen. Fast jeden Tag konnte ich auf meinem Schulweg auf diesen Flachbau in der Wittensteinstraße hinabsehen, und um ehrlich zu sein, war ich wenig daran interessiert, was dieser eigentlich beherbergte. Hin und wieder hörte man zwar an der Schule etwas von diesem Jugend Treffpunkt aber konkretes kam einem da wenig zu Ohren. Erst als einige ältere Klassenkameraden immer wieder mal über den `Keller´ redeten, begann ich mich am Rande dafür zu interessieren, worum es da nun eigentlich ging. Und genau ein ebensolcher Klassenkamerad überredete mich dann eines Tages, dorthin mitzukommen. Natürlich lautete mein Einwand, dass ich doch erst dreizehn sei und man dürfe doch bekanntermaßen erst ab vierzehn Jahren dort hinein, aber diese Bedenken wurde beiseite gewischt. Dreizehn sei ja fast vierzehn und überhaupt, das würde man dort nicht so eng sehen. Also mit dem Herzen in der Hose und dem Klassenkameraden an der Seite zur Tür hinein. Na, wen haben wir denn da? Dich kenne ich ja noch gar nicht. Hast doch sicherlich ´nen Personalausweis dabei, oder? Nicht? Und tschüß… Um bei der Wahrheit zu bleiben, ich weiß rückblickend nicht mehr genau, ob es bei diesem Fehlversuch blieb, ob ich noch mehr dieser Anläufe getätigt habe oder ob es schließlich daran lag, dass ich tatsächlich das geforderte Mindestalter erreicht hatte. Auf jeden Fall weiß ich noch, dass sich beim ersten, bewussten Betreten dieser Geheimnis umworbenen Räumlichkeiten eine gewisse Ernüchterung breitmachte. Zunächst einmal hatte das Entree so gar nichts ´Keller´ mäßiges. Im Gegenteil ,damals musste man sogar ein paar Stufen zur Eingangstür hinaufgehen. Einige der Räume hatten mehr etwas Turnhallenhaftes an sich und die gesamte Hochparterre entsprach so ganz und gar nicht meinen Erwartungen. Etwas anders dann schon das Gefühl, wenn man über die Treppe in´s Tiefparterre gelangte. Relativ gedämpftes Licht, dunkle Nischen, Kicker und andere Gerätschaften, deren Sinn und Zweck sich mir damals noch nicht erschloss. Ich kann darüber hinaus gar nicht mehr mit Gewissheit sagen ob sich der Tresen damals schon im Unter- oder noch im Obergeschoss befand.

Wie dem auch sei, nach einigen Aufenthalten im ´Keller´ wich die anfängliche Beklemmung mehr und mehr und irgendwann war es ganz selbstverständlich, dass man zum Tresen ging, bei einem der Mitarbeiter ein Pfand hinterlegte und dafür dann Tischtennisschläger, Kickerball oder Billardqueue entgegennahm. Es gab Cola, Limo und, besonders schmackhaft, Brühwürstchen mit Brot, welche dann, mit Ketchup genossen fast etwas Currywurst haftes hatten. Die Sozialarbeiter und Aufsichtspersonen damals waren Dieter Cezatka (?), genannt ´Zick-Zack´, Walter Wibranski und Gisela Birkenkamp. Allesamt kompetent und selbstsicher, was mitunter auch durchaus nötig war. Dabei meist freundlich und von Beginn an mit allen Besuchern per ´Du´.

Die, aus meiner eher naiven Sicht aber eigentlichen `Herren´ des Hauses hatten so abenteuerliche Namen wie ´Yankee´, ´Zorro´ oder `Ringo´. Aber auch ´Pinky´,´Hoss´oder ´Wurzel´. Letzterer der älteste Bruder meines damaligen Busenfreundes Jürgen, genannt `Kaba´ und auf der Beliebtheitsskala eher im unteren Bereich zu finden. Im Grunde aber eher harmlose Gesellen, solange man ihre, aus eigenem Selbstverständnis resultierende Authorität nicht allzusehr in Frage zu stellen wagte. Und daran tat unsereiner zwecks körperlicher Unversehrtheit gut.

Besagter `Yankee´ war ein Hüne von gefühlten 1,95m, mit breiten Schultern, Backenbart, damals geschätzt Anfang bis Mitte zwanzig, also mächtig erwachsen und eher ein Einzelgänger. Zur Krönung seines Nimbus´ fuhr er eine 750er BMW., was uns Bönsels natürlich zusätzliche Bewunderung abrang. Irgendwann nach Toresschluss, also 22.00 Uhr, fand er sich seltsamerweise bewogen , auf dem Parkplatz neben dem Haus einem kleinen Kreis von drei, vier Leuten, komischerweise mich eingeschlossen, seine bisherige Vita zu offenbaren. Was er da alles erzählte kann und will ich hier gar nicht weitergeben, zumindest war das alles sehr abenteuerlich und spannend und was daran nun Dichtung und was Wahrheit war läßt sich sowieso nicht mehr nachvollziehen. Nachvollziehbare Tatsache war hingegen, dass ich irgendwann gegen Mitternacht nach Hause kam und mir einen gewaltigen Krach von meinen Eltern abholen mußte, die sich wieder einmal bestätigt sahen wie schlecht der Einfluss dieses `Kellers´ auf mich war.

Nun muß ich andererseits auch zugeben, dass zu dieser Zeit der `Keller´ in der Tat fast mein zweites zu Hause war. Kaum von der Lehrstelle auf dem Rott nach Hause gelangt, schnell etwas Nahrung eingefahren und ab zu diesem, aus Sicht meiner Eltern, Ort des Nichtsnutzes, Lasters und Müßiggangs. Aber verbieten konnten sie es mir letztlich nun doch nicht und so blieb es halt dabei, dass ich fast jede Minute meiner Freizeit dort oder zumindest im Dunstkreis dieser Einrichtung verbrachte.

Ein weiterer Paradiesvogel, der dort eher sporadisch auftauchte war ein gewisser ´Eddie´, der vorzugsweise dann in Erscheinung trat, wenn er von einem Trip in die Weltgeschichte heimgekehrt war und dann in Bild und Wort darüber zu berichten gedachte.

Eine feste Einrichtung zu dieser Zeit war die in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen stattfindende ´Disco´. Das hieß im Grunde nur, dass im Untergeschoss eine Ecke für einen DJ aufgebaut, Spielgeräte, Tische und Stühle aus dem Innenraum entfernt und Lautsprecher, Lichtorgel und LSD-Licht installiert wurde. Es wurde dann, je nach zuständigem Diskjockey, mehr oder weniger tanzbare Musik aufgelegt und wer wollte, konnte dann auf dem freigeräumten Terrain nach Herzenslust abzappeln. Im Großen und Ganzen war die Musik eigentlich, zumindest nach meinem Geschmack immer recht gut, vor allem, weil eher selten dem Main-Stream gehuldigt wurden sonder eher die Richtung meist in den sogenannten Progressive Bereich ging. Doch das nur nebenbei. Diese Veranstaltungen waren in der Regel recht gut besucht und boten darüber hinaus auch oft die Gelegenheit, einmal andere als die gewohnten Gesichter zu sehen und andere Leute kennenzulernen. Häufig kamen auch Leute aus verwandten Einrichtungen, wie zum Beispiel indem `NaBa ´, dem Nachbarschaftsheim vom Platz der Republik. Andererseits meinten hin und wieder einige Zeitgenossen diese Gelegenheit nutzen zu müssen, um in irgendeiner Form ihr Revier zu markieren und so kam es denn auch gelegentlich zu kleineren Reibereien, die zum Glück dann aber meist harmlos ausgingen.

Ein anderer Aspekt in Hinsicht vor allem auf diese Tanzveranstaltung war, das es ja keinen Alkohol im ´Keller´ gab und man somit, so man es denn wollte, wohl oder übel vor- oder zwischenglühen mußte. Die geschah dann vorzugsweise in der ´Kupferkanne´. Aber auch im ´Loher Kreuz´ oder in den ´Allee-Stuben´ und noch ein paar anderen. Jeder dieser Orte wert, eigene Erinnerungen zu Papier zu bringen.

Auch noch in Erinnerung geblieben ist mir eine Art Rocker-Truppe, die sich RCH nannte. Ich bin mir nicht sicher aber ich glaube mal gehört zu haben, dass dies für Rocker-Club-Heckinghausen stand. Mitglieder dieser Vereinigung traten in unregelmäßigen Abständen einzeln oder in Gruppen im und am ´Keller´ in Erscheinung und zogen dann die Aufmerksamkeit des Großteils der restlichen Besucher auf sich. Nicht zuletzt, weil die meisten von ihnen echte ´Karren ´ fuhren, Während meine Kumpels noch stolz wie Bolle ihre ´Kreidler-Florett´, ´Zündapp´ oder ´DKW` pilotierten, nannten die meisten Mitglieder der besagten Truppe ´echte´ Motorräder ihr eigen und damals fand bereits eine ´CB 250´ unsere vollste Bewunderung. Die Anwohner rund um den `Keller´ waren aus heutiger Sicht an diesen Tagen allerdings wohl eher zu bemitleiden.

Ein letztes Kapitel dieser Zeit möchte ich einer Gruppe widmen, der ich persönlich recht nahe stand, der Fußball Mannschaft des ´Kellers´, damals geleitet von meinem hochgeschätzten Freund Günther Wiluda. Ich selbst habe in diesem Zusammenhang eine passive Rolle eingenommen, nicht zuletzt deshalb, weil ich seit jeher ein ebenso begeisterter wie talentfreier Kicker war und die Tatsache, dass ich dereinst zu den Stammspielern meines zeitweiligen Vereins, Viktoria ´96, gehörte, war wohl eher dem Mangel an Alternativen denn meinem Können geschuldet. Also begleitete ich diese Truppe zum Training auf den Platz am Schönebecker Busch oder an der Oberbergischen Straße. Zu den Heimspielen und zu den Begegnungen am Höfen, an der Widukindstraße, an der Tesche, am Eckbusch und weißgottwo noch. Immer ging es, neben dem sportlichen Aspekt vor allem um den Spaß an der Freud und den nachgelagerten Trinkgelagen. Dabei war die Mannschaft gar nicht mal erfolglos und wir konnten so manchen Sieg zelebrieren.

Letzlich leitete diese Zeit aber auch langsam aber sicher eine Art Wende ein. Weiter und weiter drifteten die individuellen Interessen auseinander und die Leute ihre eigenen Wege bis man sich dann zu größten Teil aus den Augen verlor. Ich denke allerdings, eine ganz natürliche Entwicklung auf dem Weg zum Erwachsen werden und wohl von den meisten der geneigten Leser dieser Zeilen nachvollziehbar. Immerhin umfasste diese Periode die Zeit in etwa von 1969-´79, also eine komplette Dekade meines Lebens. Und alle die kleinen und größeren Erlebnisse, die guten und die weniger guten in und um die Institution ´Keller´ böten Raum für einen weiteren Ausflug in meine persönlichen Lebenserinnerungen.

Bleibt mir zum Schluss noch zu sagen, dass all dies ausschließlich aus meinem persönlichen und absolut subjektiven Blickwinkel und vor allem ohne jeden Anspruch auf absolute Korrektheit, rein aus der Erinnerung niedergeschrieben wurde. Möge jeder, der sich möglicherweise wiedererkennt oder sich berufen fühlt die ein oder andere Richtigstellung vornehmen zu müssen, sich ermutigt fühlen, dies zu tun. Ich bin sicher, dies wäre im Interesse von uns allen, die wir einen Großteil unserer Jugend im `Keller´ an der Wittensteinstraße oder natürlich auch in seinem Vorgänger und Namensgeber, im CVJM Haus an der Adlerbrücke verbracht haben.

 
 
 

 
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