Donnerstag, 09.12.2010

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Einmal im Winter, ich war vier oder fünf Jahre alt, spielte ich nach dem Mittagessen alleine hinten an der niedrigen Sackgassen-Ziegelmauer, wo sich heute Sanitätsgroßhandel Bocks befindet, im hohen, unberührten Schnee. Ich kletterte den glatten Zaundraht mit den großen Zwischenräumen hoch. Ich bildete mir ein, daß ich fliegen könne. Wahrscheinlich hatte ich kurz davor bei Tante Nohl im Fernsehen „Peterchens Mondfahrt“ gesehen, worin die Kinder fliegen konnten, und sehr hoch, und auch noch bis zum Mond… urplötzlich bekam ich Übergewicht und flog ebenfalls! Das heißt, ich fiel hinter die Mauer ca. zwei Meter tief hinunter auf Waldboden. Ich fand mich auf dem Bauch liegend wieder und schielte auf den Schnee auf meiner Nase. Weh tat mir nichts. Ich heulte vor Schreck und Angst. Ich war schrecklich alleine. Ich hatte Heimweh nach Mama und Papa, die zu Hause in der normalen Welt wohl noch beim Mittagskaffee saßen! Wie bloß konnte ich die hohe Mauer wieder hinaufkommen?! Einem Erwachsenen würde sie wie fünf Meter hoch erschienen sein! Die Zwischenräume zwischen den verwitterten Ziegeln waren viel zu flach um hinaufklettern zu können! Irgendwann kam ich auf die Idee um den Berg links davon hinaufzugehen, dem Bahndamm. Ich wußte nicht was sonst tun, denn rechts war auch nur Mauer! Ich lief um die Mauer oben herum, immer noch heulend - und stand hinter der geschlossenen Toreinfahrt von Frau Bautzi! Die hörte mich, tröstete mich und ließ mich hinaus auf die Straße. Ich war so froh, wieder in der bewohnten Welt bei Mama und Papa zurückzusein!

Für den Rest des bedeckten Wintertages war mir die Lust am Spielen im hohen Schnee an der Sackgassen-Mauer gründlich vergangen. Ich ging nach Hause um drinnen zu spielen, sagte aber nicht was passiert war …

Vormittags kam in unserer Sackgasse der Milchmann in seinem dunkelgrünen „Dreirad“ mit planenüberdeckter Ladefläche; darauf 1-l und 0,5-l-Milchflaschen und Joghurtfläschchen mit und ohne Fruchteinlage, alle in Holz- und Metallkästen. Die seitlichen Planen waren aufgerollt und oben festgezurrt, sodaß man alles gut betrachten konnte. Auch Butter war im Angebot. Es gab Milchflaschen mit silber- und goldfarbigen Aluminiumdeckel zum Abziehen. Mutter nahm stets die großen Milchflaschen mit dem silbrigfarbigen Deckel, Nohls die goldfarbige Milch in kleinen Flaschen. Der Milchmann setzte die neuen Milchflaschen für das ganze Mietshaus bei Püngels in Hochparterre neben die Tür, nachdem er dort die leeren, peinlichst gespülten Milchflaschen weggenommen hatte.

Ich öffnete die Flasche immer dadurch, daß ich meinen Daumen in die Mitte des Deckels drückte; so ging dieser nicht kaputt und schloß auch nach dem Öffnen noch gut ab. Es war übrigens die Standardhandlung von mir, wenn ich z.B. aus der Schule kam oder vom Spielen: auf kürzestem Weg ging ich in die Küche zum rundeckigen rahmfarbenen Bosch-Kühlschrank, nahm die Milchflasche heraus, setzte sie „an den Hals“ und „soff“! Milch in ein Glas schütten fand ich überflüssig.

Auch eine Eierfrau kam regelmäßig vorbei. Die legte die Eier in die ebenfalls bei Püngels bereitstehenden Schüsseln. Jedes Ei hatte einen kleinen elliptischen roten Stempel.

Unsere leeren Kondensmilchdosen stellten wir auch bei Püngels neben die Tür. Herr Püngel hatte einen Autobeschriftungsbetrieb in der großen Garage gegenüber im einstöckigen Haus mit Flachdach von Taxifahrer Heutgens. Die Milchdosen nutzte Herr Püngel zum Lack-Mischen. Mutter kam trotz großer Sparsamkeit ausschließlich „Bärenmarke“ ins Haus!

Wochentags fanden Bremsversuche der Automonteure von Brakens und auch vom TÜV vorbei der Hinterseite des Kurbads, mit dem blauroten Hydranten davor, statt. Das Gasgeben zum Motorhochjagen und Reifen-/Bremsenquietschen bei Vollbremsungen gingen Mutter auf die Nerven.

Autos hatten zum Richtungsanzeigen im oberen Teil der Karosseriesäule zwischen Vorder- und Hinterfenster ca. 15 cm lange „Winker“, die vom Lenkrad aus fernbedient nach oben herausgeklappt wurden. Am freien Ende besaßen sie ein gelbes Lämpchen, damit die Richtungsanzeige auch im Dunkeln gesehen werden konnte.

Mittags spielten die Arbeiter im blauen Overall von Fabrik Gebrüder Meyer schräg gegenüber manchmal hinten in der Sackgasse Fußball. Dort konnten kaum Fensterscheiben zu Bruch geben.

Nachmittags kam der General-Anzeiger. Unsere Haustüre war immer nur angelehnt. Die Zeitungsfrau, die ihre Zeitungen im alten weißgestrichenen Rattan-Kinderwagen ausfuhr und manchmal auch ihren kleinen Sohn dabeihatte, legte unsere Exemplare ins Haus auf die Treppe zum Hochparterre, nachdem sie „Zeitung!“ ins Treppenhaus gerufen hatte. Nach dem Lesen bekamen Boruttas, das bejahrte und arme Ehepaar im Hochparterre, unsere Zeitung. Außer der samstäglichen Kinderseite las ich schon früh den Wuppertaler Lokalteil der Zeitung, spätestens mit acht Jahren.

Ab und zu, frühabends in der warmen Jahreszeit, standen die „Großen“ wie z.B. Doris, Gerd und Hans-Otto Püngel, Axel Backeshoff aus dem Nebenhaus und das Mädchen von Dresslers unter den Hochparterre-Fenstern, einen Fuß angelehnt an die Hauswand und unterhielten sich. Oder sie spielten mitten auf der Straße Federball, da ja kaum mal ein Auto vorbeiwollte.

Nachts wurde Mutter öfter wach. Vor der vom Schlafzimmerfenster aus links zu sehenden Signalbrücke mit zwei hohen Formsignalen (die Signale mit je zwei rot-weißen Armen untereinander und grün-roter Anzeige) warteten Züge, die manchmal pfiffen; wohl vor Ungeduld, um endlich in oder durch den Unterbarmer Bahnhof fahren zu können.

Einmal wöchentlich kam ein Bauer zum Grünabfall-Einsammeln; die Mietparteien in den oberen Etagen brachten ihre Eimer in den ersten Stock zum Leeren. Dieser Bauer lieferte auch die Kartoffeln zum Einkellern.

Einmal im Jahr wurden Kohlen und Briketts geliefert, pro Mieter ca. zwei Tonnen. Es gab mehrere Kohlensorten wie z.B. Steinkohle, Eierkohle, Anthrazit. Wir nahmen die preiswerteste Sorte: Steinkohle. Der Kohlenmann kam mit LKW mit offener Ladefläche, auf dem die Kohlen und Briketts bereits fertig in braunen Jute-Säcken abgepackt standen. Einer oder auch zwei Kohlenmänner brachten auf ihren Rücken die Säcke in den Keller und leerten sie dort aus. Nach Abschluß war gründliches Hochparterre-Treppenhausputzen und Bürgersteigfegen durch die belieferte Mietpartei angesagt. Der blinde Herr Borutta stapelte für uns alle die Briketts ordentlich auf, dadurch beanspruchten sie weniger Platz.

Einige Male im Jahr kam nach vorheriger Ankündigung per Zettel im Haus unten bei den Briefkästen der Schornsteinfeger. Bei Ankunft rief er von unten an der Tür mit Stentorstimme „Sssscccchhhhornsteinfeger!!!“ ins Treppenhaus, mit besonderem Nachdruck auf „-feger!!!“. Es hörte sich an, als ob er das rief mit mindestens einem Fragezeichen dahinter. Es wurden am bekanntgegebenen Tag morgens der Speicher aufgeschlossen und jene Keller, in denen die Schornsteine endeten. Dort holte er zum Schluß die heruntergerieselte Asche heraus.

Es gab auch noch den Lumpen- und Alteisen-Mann mit seinem Dreirad mit offener Ladefläche, ein- oder zweimal im Jahr. Mit seiner kleinen Blechflöte spielte er immer dieselbe kurze Melodie; ich würde sie sofort wiedererkennen.

Bei Wirtschaft Schulz an der Ecke Erichstraße sprangen wir möglichst „von ganz oben“ die rotbraun gefliesten Treppenstufen hinunter, soweit wie möglich auf den Bürgersteig. Wer am weitesten kam, war der Beste. Wenn wir dabei zuviel Krach machten vor dem Eingang zur Wirtschaft und zum Hotel wurden wir weggejagt. Dort hing auch der Zigarettenautomat, zu den uns unsere Väter schickten. Beates Vater rauchte „HB“ oder „Ernte 21“, meiner „Juno“ und „Eckstein“ ohne Filter.

Links von der Erichtreppe lag eine Brache mit hoher Hintermauer zum mehrgleisigen Eisenbahngelände hin. Dieser große Platz war oft unser Spielplatz. Daneben ein schmuckes umzäuntes Häuschen mit einer kleinen Treppe, umlaufender Terrasse und Blumenkästen. Eine ältere Frau wohnte darin die schimpfte, wenn wir es gewagt hatten, dem Haus zu nahe zu kommen und einmal sogar auf der Treppe zu stehen.

Von der Brache aus konnte man durch einen Spalt zwischen der hohen Mauer und der Erichbrücke auf die mit der Oberdenkmal-/Wittensteinstraße parallel laufenden Eisenbahngleise kommen. Ich bin nur einmal hindurchgegangen und schnell wieder zurückgekommen; es war mir zu gefährlich, auch ohne daß ich auf den Gleisen herumgeturnt hatte wie etwa Hubert von Försters gegenüber … Das der Siegesstraße nächste Gleis diente zum Kohlenstaubtransport zum Kraftwerk Am Clef.

So lange noch Dampf-Lokomotiven fuhren, machte sich dies vor allem an den Fenstern bemerkbar: nach dem Putzen ließ sich schnell wieder grauschwarzes Pulver auf die weißen Fensterrahmen und Scheiben nieder. Auch wagte man es daher kaum, auf dem Hof hinter dem Haus Wäsche zu trocknen.

Das in seinem Verlauf aus unzähligen schmiedeeisernen offenen und geschlossenen Quadraten bestehende mittelgrüne Geländer oben an der Siegesstraße, das die Fußgänger vor dem Abhang zum Gleiskörper schützte und über die ganze Länge der Straße bis zum Fingscheid reichte, wurde irgendwann in den 80er Jahren abgerissen, es war marode geworden. Aus Kostengründen gab es an seiner Stelle ein schlichtes hellgraues 08/15-Geländer mit den genormten eng beieinanderstehenden senkrechten Streben, zwischen denen Kleinkinder nicht ihren Kopf hindurchstecken können.

Schräg gegenüber unserem Haus war eine kleine Fabrik. Das weiße L-förmige Gebäude mit flachem Bitumendach hat nur Parterre. Wir spielten mit den durch Hitze blauverfärbten Stahlspiralen, die als Abfall draußen lagen. Dort waren auch zwei kleinere Wiesen auf dem Hof, worauf ich meine Kopf- und Handstände übte. Ich paßte gerade noch durch die Stangen des an Wochenenden geschlossenen grünen doppelflügeligen Tors.

Im Mietshaus rechts daneben, uns gegenüber, wohnte in Parterre Familie Förster: Hubert, Kalli, Hans-Jürgen, und Roswitha, die Älteste der Geschwister. Roswitha hatte einen Buckel und war kränklich, sie hatte etwas an der Lunge.

Im obersten Stockwerk gab es eine Petra. Von ihrer Mutter bekam ich mal eine Ohrfeige im Treppenhaus, ich weiß nicht mehr warum. Dann war da noch Monika Hohmann, sie gehörte schon zur älteren Jugend. Sie ging zeitweise mit mir zum Kindergottesdienst. Das Wohnzimmerfenster von Homanns lag unserem Schlafzimmerfenster genau gegenüber. Manchmal machten Beate und ich uns den Spaß und reflektierten per Spiegel die Sonne dort hinein und auch in die anderen Fenster des Hauses gegenüber. Wenn jemand am Fenster erschien um nachzusehen wer den Unfug trieb, duckten wir uns schnell weg. Oder wir füllten einen Wäschesprenger und warteten, bis jemand unter dem Fenster vorbeikam. Kurz vor ihm spritzten wir Wasser hinunter und bückten uns weg, bevor der erschrockene oder verärgerte Blick uns treffen konnte.

Weiter zur Erichstraße hin wohnten in den Häusern noch mehr Kinder, mit denen wir auch spielten. Ein Junge hieß Reinhold und war schon ein Jahr älter als ich, worauf ich sehr neidisch war damals; er hatte einen jüngeren Bruder.

In Richtung Oberbarmen hinten bei Sanitätsgroßhandel Bocks und auf der anderen Straßenseite dem Haus von „Frau Bautzi“, die wir so nannten, weil sie beim Gassi-Gehen ihren Dackel immer „Bautzi“ rief, war die Oberdenkmalstraße zu Ende. Grenze war die niedrige dunkelrote verwitterte Ziegelmauer mit einem provisorischen Zaun darauf, von der ich bekanntlich ganz früher beim Im-Schnee-Spielen hinuntergefallen war.

Im Sommer spielten wir oft im Wald hinter dieser Mauer. Wir konnten in diesen Wald mit mittendrin einer verfallenen Holzhütte kommen, wenn die Toreinfahrt bei Frau Bautzis Haus offenstand. Wir liefen hindurch, um die Mauer herum, und auf der anderen Seite, der Waldseite auf dem Eisenbahndamm, wieder hinunter. Es wuchs weißer und rosa Flieder oben an der Straße und unten im Wald; er duftete sehr stark.

Es stand oben bei der Mauer ein hoher Baum, auf den Beate und ich einmal kletterten. Es hingen kleine rote Beeren darin. Wir aßen ein paar. Dann kam das Elend: Nachbarsjunge Gerhard rief von unten, daß dies bestimmt Tollkirschen seien, die tödlich sind! Wir kamen laut heulend aus dem Baum herunter. Tante Nohl kam entsetzt herangelaufen, Gerhard hatte sie wohl geholt, und sie rief, daß uns im Krankenhaus der Magen sofort ausgepumpt werden müsse. Dies fand dann doch nicht statt. Während der ganzen Aufregung danach war nämlich bereits einige Zeit vergangen, und wir zeigten keinerlei Vergiftungserscheinungen. Der Schreck aber saß uns lange in den Knochen!

Zeitgenössisches:

1961 / 1962 verschwand die Mauer und auch der Wald: die Oberdenkmalstraße wurde Teil der Durchgangsstraße zur Entlastung der Friedrich-Engels-Allee vom Haspel bis zur Winklerstraße. Hierzu verschwand außerdem das Kopfsteinpflaster unserer Straße unter einer fahrgeräuschdämpfenden Asphaltschicht. Durchgehende Straßenbeleuchtung mittels Beleuchtungskörper an in den gegenüberliegenden Hauswänden verankerten Drähten wurde angebracht.

Davor in der Sackgassen-/Nebenstraßen-Zeit gab es Gaslaternen mit dunkelgrünem oben abgerundetem „Hut“ und vier gleißend hellen Glühstrümpfen. Eine dieser Laternen war schräg links unterhalb unseres Schlafzimmerfenster angebracht (Brakens retteten sie später vor der Verschrottung: sie ist jetzt am Geländer des Hofs hintenheraus angebracht). Rechts auf Fensterhöhe war Brakens Transparent. Beides machte lichtdichte Vorhänge und eine Jalousie für nachts notwendig.

Die Umbenennung der vom Haspel ab durchgängig gemachten gesamten Straße in Wittensteinstraße (der allererste Teil ab der Allee hieß schon damals so) fand verwaltungsmäßig am 29.5.1962 statt.

Der kleine Wald hinter der Mauer, mit noch nicht allzuhohen Bäumen und hohen Sträuchern mitten in der Stadt auf der Talsohle, hatte wohl bis zur Engelsstraße gereicht. Ich habe ihn nie der Länge nach durchquert, da ich Angst hatte, mich darin zu verlaufen. Ich habe mich nie weiter hineingetraut als wie die Abschlußmauer der Oberdenkmalstraße noch zu sehen war.

Das in der heutigen Wittensteinstraße stehende Schieferhaus direkt neben der freien Tankstelle, am anderen Ende des damaligen Waldes, war bis 1961 / 1962 nur über einen Fußweg aus Richtung Oberbarmen zu erreichen gewesen.

Der dortige „Überflieger“ von unten der Winklerstraße hinauf zur Kreuzung Siegesstraße/Emilienstraße wurde 1963 gebaut.

ueberflieger

"Quelle: Stadtarchiv Wuppertal"

Bau des „Überfliegers“ vom Opernhaus hinauf
zur Kreuzung Emilienstraße/Siegesstraße

Außer der Oberdenkmalstraße gab es eine Unterdenkmalstraße. Der Übergang der einen in die andere Straße befand sich an der Friedrich-Wilhelm-Straßen-Einmündung.

Ungefähr an der Stelle des gegenüberliegenden Spielplatzes längs der Eisenbahn hatte ein Denkmal für Kaiser Friedrich-Wilhelm gestanden. Es ist wohl auch dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen.

Auf einer Stadtkarte aus dem 19. Jahrhundert spaltet sich die aus Richtung Elberfeld kommende Unterdenkmalstraße in zwei schmalere Straßen rund um dieses Denkmal auf: eine Art Kreisverkehr. Dahinter vereinigen sie sich wieder als Oberdenkmalstraße in Richtung Oberbarmen, die schon damals als Sackgasse endete. Anstatt des Waldes hinter der Abschlußmauer wird in jener Zeit jedoch bebautes Gebiet angegeben!

 
 
 
 

 
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