Donnerstag, 09.12.2010

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In 1965 oder 1966 kauften die Eltern eine Parzelle mit Häuschen darauf im Kleingartenverein „Kothen“ von Hausnachbar Müller zum damaligen Betrag von knapp DM 2000. Das war sehr viel Geld. Der Garten war für uns Kinder gedacht. Brüderchen war drei, ich elf Jahre alt. Brüderchen hatte zu Hause längst nicht mehr so viel Platz zum ungefährdeten Spielen wie in seinem Alter wir damals noch auf den Brachen in unserer früheren ruhigen Sackgasse. Die Lücken der zerbombten Häuser, unsere Spielpätze damals, waren inzwischen durch neue Mietshäuser geschlossen worden. Unsere ehemals verträumte Sackgasse war zur „Rennmeile“ für Autos und LKWs geworden. Brüderchen war zum Spielen nur noch die Wohnung und der zum Haus gehörende Hof aus Beton und Eisen geblieben.

Unser damaliger Garten ist leicht zu finden: vom Wendehammer am Ende der Schluchtstraße ein kurzes Stück auf dem weiter geradeaus führenden Weg, dann rechts durchs Tor zum Kleingartengelände. Die Treppen hinauf, beim ersten quer laufenden breiten Weg mit einer Bank gegenüber dem Aufgang das zweite Häuschen links. Es ist wie damals zartgrün angestrichen.

Mit Ehepaar Terstegen, denen ein Garten in der Nähe gehörte, hatten die Eltern näheren Kontakt. Der Mann arbeitete bei AEG; er besorgte Mutter zum verbilligten Preis eine Kaffeemaschine. Deren Wasserbehälter war aus Glas wie auch der Rundfilter und die Kanne; chromblitzender Deckel des Wasserbehälters und dito Überlaufrohr wie auch Heizplatte. Alles war auf einem grauschwarzen Sockel aus solidem Kunststoff montiert. Die Maschine hatte Stil. Kaffeemaschinen waren damals keine Wegwerfartikel; sie waren ohne weiteres auch selbst zu reparieren.

Später in 1966 bekamen wir von Herrn Terstegen das Telefunken-Tonbandgerät „Magnetophon 201“ zum Englischlernen für mich.

Mutter hatte ihre Rechnung ohne meine Bequemlichkeit gemacht: ich war an den Wochenenden immer schwierig mitzubekommen in den Garten. Es war eine gute Viertelstunde laufen: ständig nur bergauf, und stets auch noch bepackt mit Essen und Trinken. Dann konnte ich auch nicht „Flipper“ und „Bonanza“ gucken! Ein Fernseher im Garten hätte uns nichts genutzt, denn die Häuschen hatten keinen Strom, aber auch kein Wasser und natürlich auch kein WC. Es war verboten um dies anzulegen. Man behalf sich mit Torfklosetts im Geräteraum des Häuschens. Zum Wasserholen mußte man mit dem rotschwarzen 5-l-Kanister die ganze lange Treppe wieder hinunter und ein erkleckliches Stück waldeinwärts zu einer Wasserleitung an einem Bach laufen.

An der dem Tal zugewandten Seite des Häuschens befand sich die in unserer Anwesenheit stets weit offenstehende Doppeltür mit großen Scheiben darin. Wir hatten eine schöne Aussicht nach Norden und Westen über das gesamte Unterbarmen bis nach Elberfeld/Vohwinkel. Das schräge Dach war aus Well-Eternit-Platten, worunter der Wind beinahe ungehindert ins Häuscheninnere pfeifen konnte. Drinnen eine Art Anrichte, ein Tisch, ein altes Sofa; eine Nische für Mäntel. Modriger Geruch. Vater verblendete das Häuschen außen ringsum mit hellgrün-weiß melierten Eternit-Platten.

Vater riß leider die schönen Obststräucher im unteren Teil des Gartens heraus, unterhalb der Aufschüttung worauf das Häuschen stand und eine kleine Treppe hinaufführte. Die ganze Fläche sollte Erdbeerbeet werden. Um Dünger und Sauerstoff in den Boden zu bekommen, pflanzte er erst Lupinen, die später umgegraben wurden. Ich züchtete zu Hause eine Lupine im Blumentopf.

Brüderchen bekam einen kleinen Sandkasten gegenüber der Geräteschuppentür. Jemand schenkte ihm eine kleine Schildkröte, die Vater „Hannibal“ nannte. Sie war dauernd auf Wanderschaft. Irgendwann verschwand sie auf Nimmerwiedersehen. Ansonsten war Vater gern im Vereinshaus zum Bierchen und wir mit Mutter alleine im Garten.

In der Sexta ging ich nach der Schule bei schönem Wetter einige Male gleich nebenan in unseren Garten und machte bei offenen Türen im Häuschen einen Teil meiner Hausaufgaben. Es war eine höchst ungewöhnliche Erfahrung um draußen in der Natur ganz alleine zu sein.

Am 30. Juli 1966, einem warmen sonnigen Samstag oder Sonntag, fand in London das Fußball-WM-Finale zwischen Deutschland und England statt. Ein mit Ölkreide auf Karton nachgemalter „WorldCup-Willy“ hing über meinem Bett. Das Endspiel mußte ich aus Patriotismus, und ich lernte ja Englisch, unbedingt sehen! Ich guckte das WM-Spiel zu Hause. Die übrige Familie war im Garten mit Vater wohl im Vereinshaus: dort war Strom und auch ein Fernseher …

Ärgerlich und auch aufregend, diese rhythmisch klatschenden und „England!“ rufenden Chöre auf der Zuschauertribüne. Ich konnte keine Chöre hören, die für Deutschland waren, oder sie waren zu schwach. Ich hatte Mitleid mit den deutschen Spielern in der Höhle des Löwen! Auf letzteres wies das Aussehen des WM-Maskottchen „WorldCup Willy“ ja schon hin: ein Löwe! Ich hoffte inständig, daß Deutschland es England umso gewaltiger zeigen würde!

Dann das berühmte dritte Tor: das „Wembley-Tor“! Das „War in der Verlängerung der unter der Querlatte mit elliptischem Querschnitt abgeprallte Ball nun vor oder hinter der Torlinie?!“ besorgte mir schweres Zähneknirschen. Fast Bauchschmerzen vor Wut hatte ich als entschieden wurde: der Ball war „drin“ im deutschen Tor!

Nach zu meiner Verzweiflung noch einem klaren vierten Tor der Engländer gegen Deutschland und dem Abpfiff wußte ich für den Rest des Nachmittags zu Hause nichts mehr mit mir anzufangen. Schwer frustriert ging ich durch ein sonnenübergossenes, totenstilles Wuppertal-Unterbarmen in den Garten …

Etwas, was indirekt mit unserem Kleingarten zu tun hat: 1965 oder 1966 ging Vater einmal angeheitert mit ebensolchen Gartenkollegen abends vom Vereinshaus nach Hause; es war schon dunkel. Auf dem oberen Spielplatz; mit der Rutschbahn in Elefanten-Form: der Rüssel bildete die Rutsche selbst; tobten sie sich aus. Vater ging auf die große Schaukel und schaukelte. Auf dem weiteren Nachhauseweg stellte er fest, daß er dabei seine frische Lohntüte verloren haben mußte … also zurück! Gottseidank fand er ganz ohne Licht seine Tüte wieder!

Mutter machte daraufhin Nägel mit Köpfen: sie richtete bei der Sparkasse am Loh ein Girokonto ein, und wurde nach einigem Hin und Her vom Arbeitgeber Vaters Gehalt „bargeldlos“ überwiesen, was in diesen Jahren für normale Arbeitnehmer noch ziemlich ungebräuchlich war …

 
 
 
 

 
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