Dienstag, 25.01.2011

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Ronnie (links) und Dieter Hardt (später Drummer bei "Jet Set")

In den frühen 1960er Jahren, als Luft noch was Sauberes und Sex noch was Schmutziges war, wurde Ronnie (15) aus Unterbarmen, der sich vorwiegend für Jack London, Billy Jenkins, Terra-Hefte und seine hübsche Schulfreundin Carmen interessierte, von seinem Kumpel Rolf aus der Wittensteinstraße aufgeklärt!

Nee, nicht über das, was ihr jetzt denkt! Das wusste er schon!

Rolf klärte ihn über die Existenz eines Rundfunksenders auf. Der Sender hieß BFN. Nicht Beh-Eff-Enn, sondern Bi-Eff-Enn. Es war nämlich ein englischer Sender, auch wenn er in Köln saß. Der ahnungslose Ronnie hatte bis dahin geglaubt, Radio Luxemburg wäre für Musikfans das Nonplusdingens. Weit gefehlt!

Der Sender BFN (British Forces Network; später BFBS = British Forces Broadcasting Service) wurde, man glaubt es kaum, von britischen Soldaten (!) betrieben. Die dort abgespielten Platten veränderten nicht nur Ronnies junges Leben. Vor der Entdeckung dieses Senders waren er und andere seiner Art leider gezwungen, sich den gleichen Schrott anzuhören wie ihre Alten: Caterina Valente (die hatte bekanntlich ’n Arsch wie ’ne Ente), Vico Torriani und Rudi Schuricke. Die Alternative wäre die „Fuge in Fis-Moll“ von Johann Sebastian Klutz oder ähnlich trauriges Zeug gewesen, wie es die Kniebundhose und Baskenmütze tragenden Pfeifenraucher aus dem Gumminasium Siegesstraße hörten, aber doch kein zukünftiger Beatnik und Rebell gegen das Spießertum!

Bis zur Entdeckung des Senders BFN durften Ronnie und seine Freunde nur zwischen Dash und Omo wählen, weil: Junge Leute hatten damals keine müde Kröte in der Tasche, weswegen es keinem Plattenproduzenten eingefallen wäre, Musik für sie zu machen, da sie in Sachen Wohlstand gleich hinter den Kirchenmäusen kamen.

Da hatte der junge Tommy es eindeutig besser! Der kannte den Begriff „Taschengeld“ zwar auch noch nicht, konnte sich aber täglich das Feinste vom Besten anhören: Elvis, Little Richard, Fats Domino, Chuck Berry, Eddie Cochran, Buddy Holly, sowie die gerade Ruhm anhäufenden jungen Bands aus Liverpool.

Neben den Beatles machten sich damals viele andere Inseltruppen einen Namen, etwa die Rolling Stones, Kinks, Animals, Zombies und Pretty Things. Einmal pro Woche sendete BFN die Musik dieser Leute in der Sendung Saturday Club. Daneben strahlte BFN zahllose Sendungen aus, in denen der Average Limey Soldier oder seine Frau musikalische Wünsche äußern durften. Das Beste jedoch war etwas für Ongerbarmer Verhältnisse völlig Neues: The Top Twenty Show! (Bei uns hieß so was zuvor Hitparade und wurde meist von Gerhard Wendland, Gus Backus oder Friedel Hensch und den Cypris dominiert).

Keine Frage, dass Rolf und Ronnie so oft wie möglich mit dem Ohr am Radio klebten und trotz ihrer rudimentären Englischkenntnisse alles mitsangen, was sie zu hören kriegten (außer dem Scheiß von Sandie Shaw).

Nach einigen Wochen reichte Ronnie das Mitsingen nicht mehr! Er wollte selbst groß rauskommen! Alsbald schnappte er sich Papas Klampfe. Wenn seine (damals 35 Jahre alten) Alten im Café Schmidt oder in der Loher Ampel hockten, probte er daheim pantomimisch vor der Glastür des Wohnzimmerschranks. Dabei schwelgte er in der Vorstellung, er stünde gewiss eines Tages zusammen mit den Beatles auf der großen Treppe des Barmer Rathauses und werde von Scharen kreischender Teenies bejubelt. (Dazu ist es zwar noch nicht gekommen, doch hat er [siehe Foto] 1965 immerhin schon mal auf dieser Treppe gesessen.)

In Wuppertal ging es damals mit den Beat-Bands los. Manche hatten irre Namen: das Wort Blue war schon inflationär vertreten. Die Stadt wimmelte von 15-, 16- und 17jährigen Jungs, die sich, voll im Griff der Beatlemania, alle Mühe gaben, Instrumente spielen zu erlernen. Die meisten waren selbstkritisch genug, um zu wissen, dass ihre Chancen auf Ruhm, Groupies und Plattenvertrag bei Null lagen. Andere brachten tatsächlich ’ne Platte raus – etwa die Kentuckys oder die Lonelies. Manche Band existierte nur ein, zwei Jahre. Andere verschwanden nach einem blamablen Auftritt für immer in der Versenkung. Friede ihrer Asche; hier werden ihre Namen nicht verraten.

Das Repertoire erspielte man sich in Kellern und Jugendheimen, aber auch im Tagungssaal der antialkoholischen Guttempler an der Friedrich-Engels-Allee: Bei den fragwürdig benamsten „Rocket Man’s“ hopsten die Kaffeetassen auf dem Tisch, wenn der aufgrund seiner schulterlangen Mähne im ganzen Tal bekannte „Hotti“ Laumann „Sweet Little Sixteen“ vortrug. (Im 21. Jahrhundert zog es ihn in die Nähe des Tatorts zurück: Besuchen Sie ihn mal im „Allee-Stübchen“ an der Ecke Haderslebener Straße).

Bald machte Ronnie sich auf die Suche nach Gleichgesinnten. Die fand er in seinem von kreativen Typen wimmelnden Stadtteil Unterbarmen sehr schnell, und zwar zwischen der Loher und der Völklinger Straße; in der Umgebung einer sich nicht eben unbescheiden „Ungarische Gaststätte zum Gulaschpeter“ nennenden Pommesbude an der Hünefeldstraße, und gleich hinter dem Völklinger Platz, auf dem sich die Kreidler-Karren fahrenden Lederjacken vom „Cliff Club“ trafen.

Der erste kreative Typ, den Ronnie traf, war Jens Uwe, der wohnte in der Farbmühle und hatte immer ’ne volle Packung Peter Stuyvesant dabei. Andere waren Norbert Ebers und Horst-Dieter Schulte, die an der Völklinger Brücke wohnten und einen Geschäftsmann kannten, der wusste, dass die Tage seines Unternehmens gezählt waren: Norbert und Horst-Dieter besaßen schon E-Gitarren und Verstärker und kannten einen Trommler. Im „Lindeschen Eiswerk“ an der Hünefeldstraße 1, genau dort, wo heute (2011) das Arbeitsamt steht, probten sie in einem überflüssig gewordenen Bürohäuschen, das sie mit ein paar alten Sofas und wackligen Stühlen möbliert hatten. Ronnie unterstützte sie gelegentlich als Sänger, weil sich dort Scharen attraktiver „Kanins“ die Ehre gaben: zum Beispiel Karin, Beate, Rosi, Edeltraud, Margitta, Monika, Brunhilde, Elke und Birgit.

Von nun an hing man nach Feierabend nicht mehr an zugigen Unterbarmer Ecken rum: Man traf sich im Eiswerk, weil es da nix kostete und man nicht im Traum auf die Idee gekommen wäre, man müsse sterben, wenn man mal über mehrere Stunden hinweg nichts schlappen kann. Dafür wurde, ob man nun 15 oder 17 war, gepafft wie der Teufel, und wenn die Polente des Weges kam, hat man die Kippe schnell hinter der Hand verschwinden lassen oder durch einen Kanaldeckel in die Unterbarmer Unterwelt versenkt. Ernährt hat man sich damals vorwiegend von Pommes frites (die Portion für 50 Pfennige war doppelt so groß wie die heutige), und um 21 Uhr musste man zu Hause sein: Wer noch am Völklinger Platz o.ä. Ecken rum hing, wenn die Lampen an waren, musste (besonders als Mädchen) damit rechnen, dass eine Grüne Minna des Weges kam und man den Ausweis vorzeigen musste. Wer da jünger als 18 war, wurde nach Hause geschickt.

Das Eiswerk entwickelte sich schnell zu einer Begegnungsstätte, die nicht nur die Unterbarmer Jugend frequentierte: Es kamen Leute aus Heckinghausen und dem Elberfelder Petroleumsviertel, und Monika mit dem Fotoapparat reiste am Wochenende sogar aus Velbert an. Freundschaften wurden geschlossen; es kam auch zu Liebschaften, von denen sich mindestens eine, und zwar die von Ronnie und Karin, bis auf den heutigen Tag gehalten hat.

Doch wie alles im Leben hielt auch dieser paradiesische Zustand nur einen Sommer lang an: Aus Norbert, Horst-Dieter und zwei anderen Jungs wurde die Band „The Diabolos“; Uwe und Ronnie mutierten im Verein mit Roland, Paul und Tommy zu den „Blue Beats“, und das Leben wurde schneller und verlief in ganz anderen Bahnen.

Allen jungen Unterbarmer Talenten boten sich schon bald erste Auftrittsmöglichkeiten. Und ob ihr’s glaubt oder nicht: Ronnies Geheimphantasie mit den kreischenden Teenies wurde wahr! Zwar nicht auf dem Rathausplatz, dafür aber eine Nummer größer: Er debütierte in der Stadthalle auf dem Johannisberg! Davon (vermutlich) an anderer Stelle mehr.


 
 
 
 

 
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